Wieder zielgerichtete Gewalt an deutscher Schule

18. Februar 2010 | Von Benny Blatz | Kategorie: Blog

Die Regelmäßigkeit von zielgerichteter Gewalt an deutschen Schulen setzt sich auch im Jahr 2010 fort. In nahezu regelmäßigen Abständen von 5-6 Monaten greifen vorallem männliche Schüler oder Ex-Schüler zur Waffe und begehen an ihren (ehemaligen) Schulen Taten von zielgreichteter Gewalt. Damit bekommt meine Diplomarbeit traurige Aktualität und zeigt, dass dem Thema durch härtere Waffengesetze allein wahrlich nicht beizukommen ist.

Als am heutigen Morgen in einer Ludwigshafender Berufsschule ein junger Mann zur Waffe griff, setzte natürlich das mittlerweile bekannte Medienecho ein. Jetzt beginnt der journalistische Run, wer hat als erstes Täterbilder, wer veröffentlicht am schnellsten den Täternamen? Dabei werden wohl wieder romatisierende Kommentare und “Heldengeschichten” publiziert ohne auch nur einen Gedanken an die Wirkung solcher Medienberichte zu verschwenden. Dass daurch womöglich erst wieder weitere potenzielle Täter in ihrem Bestreben nach kurzfristigen und zweifelhaften “Ruhm” bekräftigt werden interessiert die ökonomisch orientierten Medienwirtschaft scheinbar mit keiner Silbe. Die zahlreichen Trittbrettfahrer die in den kommenden Tagen zu erwarten sind steigern eher das Interesse der Medien am Phänomen “School Shootings”. Dabei haben zahlreiche Fachleute bereits mehrfach auf die enorme Gefahr solcher Berichterstattung hingewiesen. Sicher kann und darf man solche Themen nicht “unter den Tisch fallen” lassen, die Gefahr des von Suiziden bereits bekannten Werthereffekts sind hinlänglich bekannt und werden trotzdem von den Medien schlichtweg ignoriert. Denn ein School Shooting garantiert eben hohe öffentliche Aufmerksamkeit, damit Quote und Auflage und sind somit für die Medien vorallem von monetärer Bedeutung.

Apropo School Shooting, bereits jetzt macht der Begriff “Amok” wieder die Runde. Ob dieser Begriff auf die heutige Tat überhaupt zutrifft, muss sich in den nächsten Tagen erst einmal zeigen, denn es gibt eben gravierende Unterschiede zwischen Amoktaten und zielgerichteter Gewalt bzw. School Shootings an Schulen. Ohne mich in Spekulationen zu ergehen zeigen doch zumindest die zurückliegenden Fälle, dass sich die Täter längerfristig auf die Tat vorbereitet haben, dass sie eine intensive Planungsphase durchlaufen haben und eben nicht “amoktypisch” wahllos töteten, sondern zielgerichtet. Einige Täter bedienten sich dabei einem sogenannten generalisierten Opferpool, wie beispielsweise Steinhäuser der vorrangig auf die Tötung von Lehrern abzielte. Andere Täter arbeiteten persönlich aufgestellte Listen mit Opfern ab. Sicher wird es nun in den nächsten Tagen wieder die üblichen Berichte über Mobbing, bzw. Bulling, des Täters innerhalb der Schule geben. Doch auch hier ist eine kritische Betrachtung notwendig, denn zahlreiche Fälle belegen bei nüchterner Betrachtung dass es sich dabei nur um einen Mythos handelt. Sicher erscheint der Wissenschaft nur eines, solche Taten entstehen nicht wegen einer einzelnen Bedingung, sondern sind eben das Ergebnis eines multifatoriellen Prozesses, der mehr oder weniger langfristig unentdeckt in der Tatvorzeit abgelaufen ist.

Interessant an der heutigen Tat ist bereits jetzt, dass sich der Täter möglicherweise eines bekannten Musters aus amerikanischen Fällen bediente. Die Auslösung eines Feueralarms ist bereits aus Jonesboro bekannt, wo die beiden Schützen im Anschluss die flüchtenden Schüler und Lehrer von einer kleinen Waldanhöhe aus zielgerichtet beschossen. Ob der Täter sich hier einer “Blaupause” bedient hat wird durch die Polizei zu ermitteln sein. Ein “positiver” Umstand ist jedoch, dass der Täter die Tat überlebt hat und durch die Polizei festgenommen werden konnte. Dies ermöglicht insbesondere der Forschung sich ggf. intensiver mit der Vorgeschichte und der Handlungsmotivation des Täters auseinander zu setzen um möglicherweise weitere Erkenntnisse über die Genese solcher Taten zu erlangen. Dies ist inbesondere deshalb von Bedeutung weil die Selbsttötung, bzw. die beabsichtigte Tötung durch Dritte (Polizei) bei den Tätern der letzten Zeit stark zugenommen hat und nur wenige der Täter ihre Taten überlebten. Zuletzt waren es in Deutschland die Täterin aus Skt. Augustin, die noch vor der Tatausübung durch eine Mitschülerin gestoppt wurde und der durch die Polizei gestoppte und dabei schwer verletzte Täter aus Ansbach.

In meiner DA hatte ich mich ausgiebig mit der Thematik beschäftigt und kann all denen die sich derzeit in wilden Spekulationen und Vermutung auf der Suche nach dem “Warum” ergehen die Lektüre empfehlen.

Update 19:30: Nachdem nun zunehmend gesicherte Informationen seitens der Staatsanwaltschaft veröffentlich wurden, lässt sich zumindest feststellen, dass es hier einen Täter gab der zielgerichtet “nur” einen Lehrer angegriffen hat. Da von einer Tatplanung ausgegangen wird und der Täter bisher nur “schlechte Noten” als Motiv für die Tat angegeben hat, wird wohl Haftbefehl wegen Mordes gegen ihn ergehen. Nun überschlagen sich natürlich die vielen vermeintlichen Experten in der Bewertung der Tat, war es nun ein Amoklauf oder ein “normaler” Konflikt wie er auch an vielen anderen Orten hätte geschehen können?!

Diese Frage ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, deshalb verweise ich wiederum auf den nüchternen Umstand, dass School Shootings trotz ihrer kriminiologischen Nähe zu diesen eben keine Amoktaten sind/sein müssen. Entscheidendes Merkmal um auch diese Tat, trotz der Verwendung eines Messers als Haupttatwerkzeug, als School Shooting einwandfrei zu klassifizieren ist, dass der Täter die Schule und die “Zielperson” explizit wegen seiner Rolle innerhalb des schulischen Kontextes ausgewählt hat. Robertz und Wickenhäuser definierten School Shootings als: „Tötungen oder Tötungsversuche durch Jugendliche an Schulen, die mit einem direkten und zielgerichteten Bezug zu der jeweiligen Schule begangen werden. Dieser Bezug wird entweder in der Wahl mehrerer Opfer deutlich, oder in dem demonstrativen Tötungsversuch einer einzelnen Person, insofern sie aufgrund ihrer Funktion an der Schule als potenzielles Opfer ausgewählt wurde.“ Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich 1999 in Meißen als ein 15jähriger mit eine Messer eine Lehrerin tötet. Somit handelt es sich auch diesesmal um ein School Shooting bei dem ein ehemaliger Schüler an der Ex-Schule tötete.

Da sich der Täter zudem im Vorfeld auch inhaltlich mit School Shootings beschäftigt hat sind auch in diesem Fall die typischen Risikomarker unbemerkt geblieben, so hat er selbst Medieninhalte mit Tatbezug hergestellt und veröffentlicht, bzw. er hat ein besonderes Interesse an Waffen öffentlich bekundet und als eines der “Hochrisikomerkmale” hat er sogar seinen ungefähren Sterbezeitpunkt (2010) öffentlich bekannt gegeben. Sicher auch begünstigt ist dieses Unentdecktbleiben dadurch dass er bereits seit mehreren Jahren nicht mehr Schüler der Schule war und somit aus dem Fokus möglicher speziell geschulter Fachleute “gerutscht” ist. Insofern ist eine solche Tat wie die heutige tatsächlich nur sehr schwer zu verhindern, denn man kann/darf nicht jeden der irgendwann einmal School Shooting Videos bei Youtube und anderswo anklickt zum potenziellen Täter erklären.

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2 Comments to “Wieder zielgerichtete Gewalt an deutscher Schule”

  1. Benny Blatz sagt:

    Das Konzept der Schulzugangsicherung ist bereits in unterschiedlicher Form diskutiert und teilweise gar ausprobiert wurden. Die insbesondere in us-amerikanischen Schulen angewendeten Sicherungssyteme wie Metalldetektoren, Taschenkontrollen und private Sicherheitsdienste tragen möglicherweise zu Verhinderung von zufälligen Gelegenheiten bei. Aber auch dort hat man bereits schmerzhaft lernen müssen, dass auch solche Instrumente nicht jede Tat verhindern können. So hat es Fälle gegeben in denen der Täter zuerst den Wachmann tötete oder Waffen außerhalb der morgendlichen Zugangskontrolle in das Gebäude verbrachte. Da die Täter zumeist aus der Mitte der Schülerschaft kommen ist auch ein “Abschließen” der Schule kein Sicherheitsgarant. Im Fall Emsdetten hat ein ehemaliger Schüler ein solchen Sicherungsversuch umgangen in dem er einfach zum Beginn der Hofpause angriff und somit ihm das Gebäude offen stand. Da die Täter zumeist langfristige Vorbereitungen betreiben, planen sie sehr detailreich die Tat, dabei entwickeln sie Lösungen und Methoden um Probleme und Sicherheitsinstrumente zu umgehen. Der aktuelle Fall zeigt wieder einmal, dass es sich um einen Jugendlichen handelt der schon früher Suizidabsichten geäußert hat, wie weit eine psychologische Betreuung danach erfolgte, weiß ich nicht, aber eine “Überprüfung” des Waffenbesitzes offenbar erfolgte nicht. Wäre diese erfolgt hätte sich eine Bedrohungsanalyse anschließen müssen und somit wäre der Täter zumindest als Risikokandidat zu klassifizieren gewesen. Ein sich der Analyse anschließendes Bedrohungsmanagement hätte dem jetzige Täter womöglich geholfen die einer solcher Tat zugrundeliegenden persönlichen Krisenfaktoren zu bearbeiten.

  2. Flüge sagt:

    Ich bin selber Lehrer und ich kann nur sagen, da bekommt man wirklich Angst! Es kommt in unserem Alltag nicht selten vor, dass sich jemand ungerecht benotet fühlt und das man sich für seine Entscheidungen rechtfertigen muss! Ich kann nur sagen, dass es als Lehrer in so großen Klassen und mit einer damit einhergehenden Anonymität der Schüler wirklich nicht einfach ist es allen „ recht zu machen“! Die Schüler werden immer unberechenbarer und das macht mir große Sorgen! Es wird Zeit was am System zu ändern und auch die Lehrer bzw. die Mitschüler zu schützen. Ein Anfang wäre ja eine Kontrolle an den Schuleingängen auch wenn das eine große Umstellung wäre. Mein Mitgefühlt gilt den Angehörigen und Kollegen der Ermordeten und ich kann nur sage: „So etwas darf nicht noch einmal passieren! Lehrer und Schüller sollen mit Freude und ohne Angst die Schule aufsuchen können!“

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