Aktuell: Tragödie von Winnenden

13. März 2009 | Von Benny Blatz | Kategorie: Blog

Update: Februar 2010: HIER

Es ist nicht einfach im Moment der Tragödie angemessene Worte für das Unfassbare zu finden. Der 11. März 2009 hat seinen grauenvollen Platz in der deutschen Geschichte eingenommen, unglaubliches Leid über 16 Familien und eine ganze Stadt gebracht. Unsere Gesellschaft wurde wachgerüttelt und musste einmal mehr erkennen dass es weitaus schlimmere Situationen gibt, als wir sie uns in den letzten Wochen und Monaten vorstellen wollten. Es gebührt sich einfach respektvoll und pietätvoll mit der nun laufenden Diskussion und der durch die Medien inszenierten Suche nach Schuldigen umzugehen.

Seit nunmehr 3 Jahren beschäftige ich mich tiefgreifend mit dem Phänomen der School Shootings, die 1999 erstmals per Bildschirm auch deutsche Wohnzimmer erreichten. Die Ereignisse des 20. April 1999 an der Columbine Highschool werden auch zukünftig immer der traurige Beginn eines Phänomens sein, dass wir nicht verstehen können, weil es in das Menschenbild der meisten von uns nicht passen kann.

Wenn meine Hochschule es genehmigt, beabsichtige ich über genau dieses Gewaltphänomen insbesondere männlicher Jugendlicher meine Diplomarbeit als Sozialpädagoge zu schreiben – nicht weil es seit dem 11.03.09 in den Mainstream passen würde, sondern weil es ein wichtiges Thema auch und insbesondere für die Sozialarbeit davor war.  Die Wichtigkeit der konstruktiven Diskussion hat durch den 11.März leider eine weitere verzichtenswerte Bestätigung erhalten. In den vergangenen 3 Jahren habe ich unter anderem den 11.000 Seiten umfassenden Untersuchungsbericht zum School Shooting an der Columbine Highschool und zahlreiche deutsche wie englische Fachbücher zu dieser Thematik bereits bearbeitet. Unter interdiziplinären Gesichtspunkten gibt es verschiedenste Methoden sich dem Thema zu nähern, sowohl aus psychologischem, kriminologischem, soziologischem und pädagogischem Ansatz. Das Thema ist bisher nicht hinreichend erforscht und eine wissenschaftliche Arbeit kann aus meiner Sicht dazu beitragen die verschiedensten Wissensbestände der einzelnen Professionen zu verknüpfen. Insbesondere in den USA, aber auch an der TU Darmstadt und der HU Berlin gibt es entsprechende Forschungsergebnisse zu den vergangenen Taten.

Betrachtet man von Emotionen losgelöst allein nur die drei schrecklichsten Ereignisse dieser Art in Deutschland so wird bei genauerer Analyse klar, dass schon diese Taten in ihrem Tathintergrund nicht unmittelbar immer vergleichbar sind. Noch sind die Erkenntnisse die den 17jährigen am 11. März 09 zu diesem unfassbaren Massenmord trieben sehr dünn, erst die kommenden Wochen werden Eckpunkte des Vorlaufs zu dieser Tat erhellen und erste Erklärungsansätze bringen. Vieles deutet darauf hin, dass auch in Winnenden die Tat nicht als medienwirksamer “Egopusher” wie im Fall Emsdetten eingesetzt wurde, sondern der Tathintergrund in der individuellen Persönlichkeitsstruktur und der Entwicklung von Lebensweltsituationen zu finden sein könnte. Sollte sich dieses tatsächlich herausstellen, wäre hier ähnlich wie im Fall Erfurt nicht Internet, Medien und Computerspiele ursächlich, sondern die persönliche Hilflosigkeit bei der Bewältigung von Problemsituationen des Täters. Im Fall Emsdetten hingegen ist klar belegbar, dass es sich um einen möglichen Nachahmungstäter handelte, der zu einem bedeutenden Teil auf der Suche nach Anerkennung in einer gefährlichen  und weltweit agierenden Subkultur von “Amokfans”, die insbesondere die beiden Täter Harris und Klebold glorifizieren, die Motivation für seine Tat fand. Im Internet stellt diese Subkultur Ranglisten in Form von Tabellen auf, in denen Opfer, Waffen und Daten zur Tat gesammelt und mit allerlei weitergehenden Quellen vernetzt werden. Wie hoch die Dunkelziffer möglicher potenzieller Schoolshooter ist lässt sich nur schwer bestimmen, mit  solch einem liberalen Waffengesetz wie das der USA oder Finnland wäre aber auch in Deutschland die Gefahr solcher Taten bedeutend höher. Das strenge Waffenrecht in Deutschland verhindert aber nicht die potenzielle Bereitschaft zu solchen Taten, sondern trägt allenfalls dazu bei, dass es bisher nicht noch mehr solcher Tragödien in Deutschland gibt.

Erst wenn sich das Medieninteresse von der Hysterie zur sachlichen Darstellung gewandelt hat, wenn Staatsanwaltschaft und Polizei verläßliche Auswertungen erstellt und (vielleicht) wie im Fall Erfurt eine unabhängige Kommission die schrecklichen Stunden von Winnenden untersucht hat, wird es möglich sein die Quellen wissenschaftlich zu bewerten und Parallelen zu den anderen Taten weltweit herstellen zu können, um Verhaltensmuster und Typologien aufzuzeigen.

Zur Zeit diskutieren echte und vermeintliche Experten über Ursachen und Lebenslauf des Täters, händeringend sucht die Gesellschaft nach einem Schuldigen den sie noch zu Verantwortung ziehen kann. Typischerweise für solche Massenmorde hat sich auch hier der Täter selbst getötet und sich somit der Verantwortung, aber auch der tiefgreifenden wissenschaftlichen Analysebeteiligung entzogen. Dies ist eines der Hauptprobleme in der Forschung zu diesem männlich dominierten Gewaltphänomen. Ganze 4% der vergleichbaren Taten weltweit werden von Frauen begangen, soviel kann die Wissenschaft aus der Statistik belegbar nachweisen – warum das so ist, darüber streiten sich die Fachleute noch. Dass Computerspiele mit Gewaltgehalt, Horrorvideos oder Pornografie (alleinige) Ursache für solche schlimmen Tage sind, hat die Wissenschaft bereits  widerlegt. Vielmehr ist es die Mischung aus Brüchen in der Sozialisation, mangelnden Bewältigungs- bzw. Handlungsstrategien oder aber auch subjektiver Gefühle von sozialer Ausgrenzung, emotionaler Desillusion und pathologischer (Gewalt-)Phantasie und kompensatorischem Narzismus.

Warum die Täter sich immer die Schule als Tatort aussuchen, ist in der Bedeutung dieses Lebensraumes für Jugendliche begründet. Ein großer Teil der Entwicklung von Jugendlichen findet in der Institution Schule statt. Freunde, KlassenkameradInnen, Vorbilder, aber auch emotional bedeutende Personen (Freundin etc.) bewegen sich innerhalb dieser Lebenswelt. Kommt es dabei zu kommunikativen oder handlungsbasierten Diskrepanzen kann das Jugendliche zur Distanz gegenüber dieser bedeutenden Lebenswelt bewegen. Häufig erkennt und bewertet das Umfeld diese aufgebaute Distanz im Nachgang (erst) als “zurückgezogen”, “ruhiges”, “unauffälliges” oder “eigenbrödlerisches” Verhalten.

Auch im jetzigen Fall erscheint zuerst der Umstand der Zugänglichkeit von Waffen erst die Tat selbst ermöglicht zu haben. Das lässt sich auch nicht so einfach wegdiskutieren, alleiniges Hilfsmittel gegen solche Tragödien kann aber auch die Verschärfung von Waffengesetzen und Aufrüstung von Schulen zu Hochsicherheitsbereichen nicht sein. Trauriges Beispiel dafür sind die Ereignisse in den USA in den letzten Jahren, wo sich ähnliche Taten aus dem Schulgebäude heraus an andere lebensweltrelevante Plätze der Institution Schule/Bildungseinrichtung verlagert haben, wie Wohnheime, Universitäten, Schulbusse und Sportplätze.

Für tiefgreifende Informationen zu den unterschiedlichen Studien in diesem Bereich, dem derzeitigen wissenschaftlichen Stand der Forschung und Handlungsstrategien zum Verhalten im Krisenfall, sowie Ansätze der Früherkennung bin ich gern bereit im Rahmen meines derzeitigen Kenntnisstandes Auskunft zu geben. Spekulative Einschätzungen zum aktuellen Fall hingegen sind in Anbetracht der Tragödie absolut fehl am Platz. Nach Abschluss der ggf. zu dieser Thematik entstehenden Diplomarbeit, werde ich diese hier öffentlich zugänglich machen.

Benny Blatz

März 2009

Update: Februar 2010: HIER

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